BRICS-Gipfel analysiert – Bachheimer im Freilich-Interview
Der Chefökonom der Goldvorsorge, Thomas Bachheimer, nahm kürzlich am BRICS-Gipfel in Südafrika teil und bietet im exklusiven FREILICH-Interview faszinierende Einblicke. Er beleuchtet nicht nur die ehrgeizigen Ziele der BRICS-Staaten, sondern diskutiert auch das Potenzial für eine neu gestaltete Weltordnung. Bachheimers Analysen liefern eine tiefgehende Betrachtung darüber, wie diese wirtschaftliche Allianz die globalen Machtverhältnisse verschieben könnte. Dieses Interview bietet wertvolle Perspektiven für alle, die an den dynamischen Veränderungen der internationalen Finanzsysteme und Geopolitik interessiert sind.

„Multipolarität kann der Welt nur gut tun“
Der Ökonom der Goldvorsorge, Thomas Bachheimer, war beim letzten BRICS-Gipfel in Südafrika. Im FREILICH-Interview spricht er über die Ziele der BRICS-Gruppe und die Möglichkeit einer neuen Weltordnung.
INTERVIEW : S T E F A N J U R I T Z
FREILICH: Sie waren letztes Jahr beim BRICS-Trefen in Südafrika. Was waren Ihre Eindrücke? Tomas Bachheimer: Mit einem Wort: atemberaubend. Die gigantischen Ausmaße des Meetings haben meine kühnsten Vorstellungen noch bei weitem übertroffen. Es waren ja nicht nur die Staatschefs der BRICS-Staaten und jene der Beitrittskandidaten, sondern auch sämtliche Staatsführer der afrikanischen Union anwesend – d. h. wir sprechen von einer Konferenz mit mehr als 60 Staatschefs, die mehr als 50 Prozent des weltweiten Bruttoinlandprodukts (BIP) und 40 Prozent der Erdenbewohner repräsentierten – und den westlichen Medien war das nur die eine oder andere Randnotiz wert.
Zu meiner Überraschung wurde in Südafrika noch angekündigt, dass UNGeneralsekretär António Guterres seine Aufwartung machen werde. Ich dachte mir nur: „Die UNO ist doch eine Nachkriegsorganisation, BRICS ein Verband, der den Nachkriegsorganisationen und der westlichen Dominanz in der Weltordnung an den Kragen will. Da kann der nie und nimmer kommen.“ Und wie der gekommen ist! Und was der gesagt hat! Wortwörtlich hat er in seiner Rede gemeint, er „freue sich über die entstehende Multipolarität der Welt und werde die BRICS auch weiterhin unterstützen“. Man muss nicht alles verstehen.
Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa war ein ausgezeichneter, bestimmter und leicht aggressiver Gastgeber und Sprecher des Gipfels und ließ in puncto diplomatisch formulierter Nachrichten an den Westen nichts zu wünschen übrig. Nie vergessen werde ich seine Aussage: „Wir werden über 50 Prozent der Menschheit mit 60 Prozent des weltweiten BIPs sein, während die NATOStaaten nur 13 Prozent der Menschheit repräsentieren. Und wir sprechen zum ersten Male mit einer gemeinsamen Stimme. Ab nun kann es daher nicht mehr sein, dass die 13-Prozent-Organisation die world governance alleine bestimmt und vor allem die Zukun" der Welt alleine organisiert und alleine darüber bestimmt, wer auf der Welt gut und wer böse ist. Ab heute ist das alles vorbei.“
Es sprachen auch andere Staatenlenker. In den Reden ging es um Entdollarisierung, mehr Rechte für den Globalen Süden, mehr Mitspracherechte in der Gestaltung der Zukun" der Welt, weniger Sanktionen und neue Richtlinien für die Rohstoffgewinnung in und Der Ökonom der Goldvorsorge, Thomas Bachheimer, war beim letzten BRICS-Gipfel in Südafrika. Im FREILICH-Interview spricht er über die Ziele der BRICS-Gruppe und die Möglichkeit einer neuen Weltordnung. INTERVIEW : S T E F A N J U R I T Z „Multipolarität kann der Welt nur gut tun“ den Export aus Afrika. Insgesamt war es eine überaus beeindruckende Vorstellung und eine selbstbewusste verbale „Wir sind auch da und reden mit, ob ihr wollt oder nicht Forderung nach mehr globalem Mitbestimmungsrecht.
Ist die BRICS-Erweiterung also tatsächlich ein großer Schritt hin zu einer multipolaren Weltordnung? Selbstverständlich geht’s Richtung Multipolarität – das tat es aber schon spätestens seit dem Winter 2014, Maidan, als „man“, sprich der Westen, einen legitim gewählten und beliebten Präsidenten der Ukraine abgesetzt und einen amerikafreundlichen Präsidenten eingesetzt hat. Danach kamen die ersten Russlandsanktionen und viele Staaten haben erkannt, dass man der Willkür des Westens ausgesetzt ist. So auch die BRICS-Staaten. Die waren ein loser Interessens- und Staatenbund, der sich seit 2009 einmal jährlich traf, aber viel mehr als Absichtserklärungen sind da nicht geschehen. Ab 2014 hat man dann enger zusammengearbeitet und diverse Vorbereitungen zur „Bi-Polarisierung“ getroffen.
„Ganz generell vermute ich, dass die USA wissen, dass sie das, was jetzt kommt, nicht verhindern können und sich dem Faktischen beugen.“
Zum Beispiel? Unter anderem hat man die Entdollarisierung, welche schon in vielen Staaten 'ema und Ziel war, intensiviert. Und es ist sicherlich auch kein Zufall, dass sowohl Russen als auch Chinesen ab 2015 begonnen haben, ihre eigenen Zahlungssysteme zu entwickeln, um sich vom Transaktionsdominator SWIFT zu emanzipieren. Aber anders als bei der EU, wo so gut wie alles, auch die Währung, zentralisiert wurde, hatte man bei BRICS zwar ein gemeinsames Ziel, aber jeder für sich hat seine technischen Vorbereitungen getroffen, um sich zu entdollarisieren. Die Russen haben damit begonnen, SFPS (Transfer of Financial Messages) zu errichten und die Chinesen bauten ihr CIPS (Crossborder Interbank Payment System) und es gibt Hinweise darauf, dass die beiden System schon interoperabel sind und so bald auch den bilateralen Zahlungsverkehr durchführen werden können. Ich halte die Entscheidung, dass jeder für sich seine Vorbereitungen trifft – wie man an den Zahlungssystemen erkennen kann – und dass es generell kaum zentralistische Strukturen bei den BRICS gibt, für bahnbrechend. Man hat von den Fehlern des Westens gelernt. Man schließt sich zwar auch zusammen und hat gemeinsame Ziele, aber das Erreichen dieser Ziele liegt in den Händen der jeweiligen Nationalstaaten und niemand kann quasi „top down“ einem Mitglied Befehle erteilen bzw. Verantwortung abnehmen oder auch zuordnen. Als hätten die Planer in der EU gelebt und den zentralistischen Schlamassel am eigenen Leibe miterlebt.
Welche Länder könnten die nächsten sein, die sich dem BRICS-Bündnis anschließen?
Den BRICS-Insidern war ja schon letztes Jahr klar, dass noch einige Länder folgen würden. Interessenten gibt es viele: Jeder, der sich vom US-Dollarsystem über den Tisch gezogen fühlt, möchte dabei sein, wenn es nur irgendwie geht. Mittlerweile gibt es 60 Staaten, die offen Interessensbekundungen abgegeben haben, einige sogar ihr Beitrittsgesuch, zum Beispiel Thailand.
Ich kann hier nicht alle nennen, aber die wichtigsten Staaten sind Bahrain und Kuwait, somit wäre der Arabische Golf bis auf das kleine Katar völlig in BRICS-Hand – das wäre geostrategisch ein ordentlicher Schienbeintritt für den Westen. Dann wären da noch Algerien und Marokko, die Mittel- und Südamerikaner Honduras, Bolivien, Nicaragua und Kuba, die Rohstoffstaaten Nigeria, Kasachstan, Aserbaidschan, Uganda – Stichwort Gold! –, Senegal, der größte muslimische Staat Indonesien, die Atommacht Pakistan, Vietnam und der NATO-Staat Türkei, der auch Anfang Juni zur Überraschung aller seinen Außenminister zum BRICS-Außenministertreffen in St. Petersburg entsandt hat. Man stelle sich nur vor, ein NATOStaat bei den BRICS, da bleibt selbst den geopolitisch nicht ganz Firmen der Mund offen. Selbst in Europa kann man sich der Anziehungskra" nicht entziehen, Weißrussland wird ziemlich fix dabei sein, aber für eine echte Sensation könnte Serbien sorgen, dass sich ja in Europa allein auf weiter Flur befindet und wo ein Staatenbund wie BRICS für ein gewisses Sicherheitsgefühl sorgen könnte. Alles in allem eine für den Westen sehr bedenkliche Entwicklung, denn ab 2025 könnten die BRICS+ über 60 Prozent der Weltbevölkerung beherbergen und auch für über 50 Prozent des Welt-BIPs sorgen – ein geostrategischer Wandel, wie ihn die Welt bisher noch nie erlebt hat.
Und wie reagieren die USA darauf?
Auf den ersten Blick reagieren die USA äußerst gelassen. Es sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass die USA die Intensivierung der BRICS-Aktivitäten vielleicht nicht unbedingt gewollt, aber dennoch herbeigeführt bzw. billigend in Kauf genommen haben. Denn mit der Reaktion des Westens auf die Ukrainekrise, nämlich dem Einfrieren der russischen Zentralbankenbestände im Westen hat man einen Tabubruch begangen. Denn seit jeher gilt: Jener Staat, der die Weltleitwährung führt, darf niemanden von der Geldversorgung, in welcher Art auch immer, abschneiden – egal was dieser Staat auch angestellt hat. Außerdem mussten die USA wissen, dass nach so einer Aktion alle anderen Rohstoffstaaten, die für ihre Exporte USD-Anleihen erhielten mit denselben Sanktionen rechnen mussten und deshalb schleunigst das Weite suchen würden. Und genau das spielt sich jetzt vor unseren Augen ab.
Die Amerikaner haben also damit gerechnet?
Ja, und sie können jetzt den ohnehin in die Bredouille geratenen US-Dollar versenken und haben noch dazu eine sehr gute Ausrede bzw. einen Schuldigen – den bösen Putin. Was für ein lächerliches Schauspiel und was für ein unwürdiges Ende für die einstige Weltleitwährung.
Ich habe mich nach der Sanktionierung der Zentralbank gewundert, dass die USA doch wissen müssten, was nun geschehen würde – aber auch die Reaktionslosigkeit der „westlichen Wertegemeinscha"“ hat mich zutiefst erschüttert, da diese doch auch wissen müsste, dass mit dem US-Dollar auch der Euro über die nächsten fünf bis zehn Jahre baden gehen würde. Aber die europäischen Politiker haben in der UkraineHysterie von all den Hintergründen und Entwicklungen – wie immer – nichts mitbekommen und einfach das getan, was die USA ihnen aufgetragen hatten – zum Nachteil der eigenen Bürger. Das wird ein dramatisches Nachspiel haben, die Wahlen in England und Frankreich und jene in Österreich werden einen ersten Vorgeschmack auf die Reaktion der Bürger geben, die den Verrat auf Geheiß der USA „belohnen“ werden. Ganz generell vermute ich, dass die USA wissen, dass sie das, was jetzt kommt, nicht verhindern können und sich dem Faktischen beugen. Deshalb hat man sämtliche Ereignisse bis Johannesburg (Summit 2023) scheinbar reaktionslos hingenommen. Im Hintergrund hat man aber sicher hart daran gearbeitet, um erstens für das neue Zeitalter möglichst gerüstet zu ein und zweitens auch eventuelle Schäden auf Europa abzuwälzen – was mit dem naiven europäischen Staatsführern bzw. der NATO-Unterorganisation EU nicht wirklich schwer war.
Die US-Finanzwelt sieht diesen Entwicklungen nicht ganz so gelassen entgegen. Erst Anfang Juli hat Jamie Dimon, der CEO von J. P. Morgan – quasi der Häuptling der New Yorker Finanzwelt – vor einem Crash am Aktienmarkt gewarnt, sollten die BRICS-Staaten mit der bisher gelebten Entschlossenheit und dem bisher gefahrenen Tempo fortfahren. Darüber hinaus hat er auch offen die Möglichkeit eines BRICS-Goldstandards angesprochen. Meines Wissens nach wohl die prominenteste Stimme, noch dazu aus der New Yorker Finanzelite, die sich jemals dazu öffentlich geäußert hat.

Die BRICS-Staaten, aber nicht alle, arbeiten an einer eigenen Währung. Halten Sie das in naher Zukunft für realistisch?
Dazu sollten wir zuerst einmal klären, was mit Währung gemeint ist. Ist damit ein vollwertiges „Geld“-System gemeint, dann halte ich das für die nächsten Jahre für ausgeschlossen. Dazu fehlt erstens der politische Wille, zweitens die Finanzarchitektur und drittens das Netzwerk. Ein großes Problem ist auch, dass die BRICS aus zu vielen Kulturen, zu vielen Mentalitäten, zu vielen unterschiedlichen Wirtscha"smodellen und zu unterschiedlichen Entwicklungsständen der jeweiligen Wirtscha"sräume bestehn. Schon beim Euro, wo man regional und mentalitätsmäßig ja viel näher beieinander liegt, hat man gesehen, dass sich solche Währungsprojekte nie und nimmer ausgehen und das Gros der Währungsunionsteilnehmer auf der Verliererseite zu finden ist. Außerdem sind die BRICS „bottom-up“ strukturiert, d. h. alle Entscheidungen werden in den Ländern getroffen und finden sich an der Spitze der Organisation wieder oder eben nicht. Bei internationalen Währungsräumen wäre eine „top-down“ Organisationsstruktur angebracht, das wiederum lassen die einzelnen Staaten niemals zu. Meint man mit „eigener Währung“ jedoch ein Abrechnungssystem, welches fähig ist, Handelsgeschä"e innerhalb der BRICS-Staaten rasch, fehlerlos und fair abzurechnen, dann ist davon auszugehen, dass dies bald geschehen wird. BRICS sind ja förmlich gezwungen,




währungstechnisch „etwas zu machen“, eint sie doch das Ziel zur Machteinschränkung der USA durch US-Dollar Gebrauchsreduktion, denn erstens sind andere Währungen, die den US-Dollar ersetzen könnten, weit und breit nicht zu sehen und zweitens verfügen weder die klassischen fünf BRICS-Staaten noch die Neuzugänge von 2024 über eine anständige Währung, die im internationalen Handel einsetzbar wäre und auch vom jeweiligen Handelspartner auf Dauer akzeptiert werden würde.
Ich habe eingangs ja schon über die jeweiligen Bestrebungen zur Einrichtung nationaler Zahlungssysteme von China (CIPS) und Russland (SPFS) berichtet – diese agierten bis dato aber als „stand alone“-Modelle und konnten nicht miteinander kommunizieren. Gerade aber die Interaktion zwischen SPFS und CIPS wäre ein wichtiger Schritt zur Stärkung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Russland und China und zeitlich nachgelagert mit allen anderen BRICS-Staaten. Die Bemühungen um die technische Interoperabilität der beiden Systeme begannen bereits vor einigen Jahren und machen Fortschritte. Diese Integration wird den bilateralen Handel erleichtern, die Abhängigkeit von SWIFT reduzieren und die finanzielle Souveränität beider Länder stärken.
Wie weit ist man da bereits?
Jetzt im Juli 2024 machen bereits Gerüchte die Runde, dass sich die beiden Systeme mittels eines übergeordneten Tools verbinden könnten und so auch internationale Zahlungen ermöglichen. Angeblich sind die anderen BRICS- Staaten dazu eingeladen, sich diesem entstehenden Konkurrenten zum westlichen Zahlungssystem SWIFT anzuschließen. Die Nachfrage danach wird natürlich groß sein, allein schon wegen der Tatsache, dass man damit der am öftesten eingesetzten westlichen Sanktion „Ausschluss vom Zahlungssystem“ entgehen kann.
Eine weitere solche Bestrebung, ein Konkurrenzmodell zu SWIFT aufzubauen, ist MBridge. Laut Eigendefinition ist es ein „innovatives Projekt, das darauf abzielt, grenzüberschreitende Zahlungen durch die Nutzung digitaler Zentralbankwährungen (CBDCs) effizienter, sicherer und kostengünstiger zu gestalten“.
Dieses wird in Zusammenarbeit mit den Zentralbanken von China, Hongkong, Thailand und den Vereinigten Arabischen Emiraten geleitet und wurde erstaunlicherweise auch von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) mitinitiiert.
Man sieht also, es gibt hier eine Ursuppe an Geschehnissen und Gerüchten, die allesamt noch nicht ganz einzuordnen sind. Dies ist auch der Grund, warum ich auch heuer wieder am BRICS-Summit teilnehmen werde, zumal ich nach dem währungstechnisch enttäuschenden Summit 2023 für 2024 wirklich bahnbrechende Veröffentlichungen in Währungsfragen erwarte.
Sie werden also wieder teilnehmen? Welche anderen Themen werden dort voraussichtlich besprochen?
Ja, ich habe eine Einladung und habe bereits Flug und Hotel gebucht. Besonders die Hotelbuchung war nicht einfach, zumal Kasan eine relativ kleine Gastgeberstadt für einen derartigen Kongress ist. Und im Gegensatz zum letzten Jahr – wo ich kaum eine andere westliche Seele außer der meinen verorten konnte – werden dieses Mal viele Beobachter und Journalisten kommen, was wiederum auch ein Beweis dafür ist, dass die BRICS-Gruppe zunehmend ernst genommen wird.
Natürlich werden wieder die Entdollarisierung, die Stärkung des Globalen Südens, die Errichtung eines Abrechnungssystems und vielleicht sogar die Bekanntgabe einer SettlementWährung im Mittelpunkt stehen. Dazu kommt noch die Vorstellung der BRICS-Beitrittskandidaten – gerüchteweise sollen es dieses Jahr mehr als doppelt so viele Beitrittskandidaten, darunter einige Bombenüberraschungen, wie im letzten Jahr sein. Ganz sicher werden die nachhaltige Entwicklung und der Infrastrukturausbau – insbesondere die New Development Bank –, die Stärkung der wirtschaftlichen Unabhängigkeit der Mitgliedsstaaten, aber auch Strategien zur Abwehr von Sanktionen gegenüber Iran und Russland diskutiert werden
Blicken wir noch einmal auf Europa: Welche Folgen kann das BRICS-Bündnis für uns haben?
Zum einen wird die stärkere wirtschaftliche Kooperation und Integration der BRICS-Staaten die Handelsdynamik global verändern. Europa könnte sich neuen Konkurrenzsituationen gegenübersehen – insbesondere in Schlüsselsektoren wie Energie, Rohstoffe und Technologie. Und das für Europa besonders Unerfreuliche daran ist, dass es nicht nur eine neue Konkurrenzsituation geben wird, sondern dass die neue Konkurrenz auch eine Art Monopol in Energie und Rohstofffragen bilden wird, da sie ja „mit einer Stimme“ sprechen möchte.
Zum anderen wird sich das Währungsgefüge dramatisch verändern, da davon auszugehen ist, dass die BRICS- Staaten irgendwann einmal eine rohstoffgebundene oder gar goldgebundene Währung zum Settlement ihrer Rohstoffexporte verwenden und die Rohstoffkäufer gezwungen sein werden, mit dieser Währung zu bezahlen. Die durch nichts gedeckte Währungsillusion Euro wird für Rohstoffkäufe bedeutungslos und über die Bande US-Dollar wird man auch nicht mehr spielen können.
Reden wir über die „Big Player“ der BRICS. Im Zuge des Ukraine- krieges hat die Zusammenarbeit zwischen Russland und China zugenommen. Ist das eine Partnerschaft auf Augenhöhe oder bleibt Russland in dieser Beziehung der „Juniorpartner“?
Schenkt man den veröffentlichten Handelsstatistiken der beiden Staaten Glauben, zeigt sich, dass sich die Zusammenarbeit zwischen Russland und China deutlich intensiviert hat. Das bilaterale Handelsvolumen zum Beispiel ist seit Kriegsbeginn um mehr als das Doppelte gestiegen. China hat sich als wichtiger wirtschaftlicher Stützpfeiler für Russland erwiesen, insbesondere nachdem der Westen starke Sanktionen gegen Russland verhängt hat. Dennoch wird die Beziehung nicht immer als Partnerschaft auf Augenhöhe betrachtet, da China in vielen Aspekten die stärkere Position einnimmt, insbesondere im Bereich der wirtschaftlichen Unterstützung und Handelsbeziehungen.
Und in puncto Krieg und Ukrainepolitik hat sich China auch nicht gerade als „moralische Stütze“ Russlands erwiesen, sondern durch Zurückhaltung geglänzt. Aber aus der Sicht des dritten „Big Players“ Indien, der sich schon voriges Jahr in Johannesburg irgendwie wie das dritte Rad am Wagen fühlte und dies auch des Öfteren kundtat, haben die Russland-China-Beziehungen sich in diesem Jahr zu sehr intensiviert.
um Beispiel hat Russlands Außenminister Lawrow mit China ein neues eurasisches Sicherheitskonzept diskutiert, ohne dass Indien einbezogen wurde. Des Weiteren wurden von China und Russland Studien bzgl. eines Pakistan-Beitritts in Auftrag gegeben, was in Indien Alarm ausgelöst hat. Und im Mai hat der ehemalige russische Präsident Medwedew die Teilnehmer – darunter auch Indien – der Schweizer Friedensgespräche offen dafür kritisiert, dass sie die neutrale Position aufgegeben haben und sich auf die Seite der Ukraine stellten, was für Indien mehr als beunruhigend sein dürfte.
Dies dürfte auch der Grund dafür sein, dass der indische Premier Modi
im Juli nach Moskau gereist ist, um mit Putin gewisse Dinge zurechtzurücken. Modi ist ein machtbewusster Mensch, der momentan seine Felle davonschwimmen sieht, dies aber zu verhindern versucht. Nicht nur die anderen BRICS-Staaten können das nur begrüßen, denn einen Machtblock, gebildet aus Russland und China, innerhalb der BRICS können weder BRICS selbst noch die Rohstoffkunden der Zukunft – außerhalb der BRICS – gebrauchen.
Wie bereits erwähnt, sind die BRICS-Staaten sehr unterschiedlich. Innerhalb der Gruppe gibt es auch zahlreiche Konflikte. Man denke etwa an China und Indien oder Saudi-Arabien und den Iran. Auch die Haltung gegenüber den USA ist zum Teil verschieden. Könnte das Bündnis an diesen Widersprüchen scheitern?
Eine absolut berechtigte Frage – vor allem für Europäer. Denn die Staatengemeinschaft EU hat ja gezeigt, dass so eine rasche Vereinigung auch scheitern kann, obwohl die Homogenität von deren Mitgliedsstaaten wesentlich stärker ist als jene der BRICS-Staaten. Und die Gefahr scheint riesengroß, dass angesichts der unterschiedlichen Regionen, Kontinente, Religionen, Lebensphilosophien und gelebter Wirtschaftsmodelle (man bedenke nur, Brasilianer und Chinesen in einem Wirtschaftsraum...) diese Staatengemeinschaft scheitern wird – es wäre nur allzu logisch.
Darum möchte ich jetzt nicht sagen, dass es nicht scheitern wird, lieber würde ich zwei Argumente hervorbringen, war um dieses in der Menschheitsgeschichte einmalige Experiment des Zusammenrückens unterschiedlicher Welten klappen könnte:
Erstens: Die EU gibt mit ihrem engen Korsett und ihrer unsäglichen Top-down-Struktur ein zeitnahes Beispiel dafür ab, wie eine Staatengemeinschaft nie und nimmer funktionieren kann. Das so enge Zusammenrücken der art vieler Nationen war zum Scheitern verurteilt. Man hätte das schon früh erkennen müssen, nämlich daran, dass man keine gemeinsame Verfassung zusammenbrachte. Ab diesem Zeitpunkt hätte man eine losere Struktur wählen können. Aber gewisse EU-berauschte Politiker haben weitergemacht, den Euro als Verfassungsersatz ins Spiel gebracht und so „zum Wohle Europas“ – gemeint aber zum „Wohle der EU“ weitergemacht, bis Europa bzw. das, was Europa stark gemacht hat, nämlich kulturelle Vielfalt und unterschiedliche Traditionen, völlig zerstört wurde. Man erkennt es auch dran, dass, wenn heute jemand im Mainstream Europa sagt, er die EU mit ihren 27 entmannten Mitgliedsstaaten meint und die restlichen 20 unter den Tisch fallen lässt. Ein Irrsinn sondergleichen.
Daraus haben die BRICS gelernt und die Organisation „bottom-up“ strukturiert. Das heißt, dass Initiativen, Bestrebungen und Fortschrittsbemühungen allesamt von den Nationalstaaten ausgehen und es keine Chefstruktur gibt, die allen zentralistisch geregelt die eigenen Wünsche in „Friss oder stirb“ Manier überstülpt.
Zweitens: Natürlich sind gemeinsame Interessen, vor allem wenn sie wirtschaftlicher Natur sind und den Fortschritt aller ins Auge fassen, ein sehr guter Klebstoff, der die unterschiedlichen Teilchen miteinander verbindet. Aber nichts verbindet so fest wie eine Bedrohung von außen, ein gemeinsamer Feind. Sämtliche Mitgliedsstaaten haben oder hatten irgendein Problem mit der Nachkriegsordnung und der Dominanz der Siegermächte – entweder ideologisch, wirtschaftlich, geldpolitisch oder gar militärisch. Davon will man sich befreien, die BRICS-Mitglieder sehen nun die Zeit gekommen, hundertprozentige Eigenherrschaft sowie ein Mitspracherecht in der Zukunftsgestaltung des Planeten zu erlangen und werden dies auch tun.
Es sind nicht die Gemeinsamkeiten, die sie zu dieser Gemeinschaft einen, es ist der gemeinsame – übertrieben formuliert – Feind, der sie zusammenarbeiten lässt.
Deshalb glaube ich, dass die lose Organisation sowie der „gemeinsame Feind“ dieser Gemeinschaft eine Chance geben, eben nicht zu scheitern und die Welt massiv und nachhaltig – hoffentlich positiv – zu verändern.
Viele im Westen warnen in diesem Zusammenhang aber auch vor dem Erstarken autoritärer Systeme und auch vor neuen Kriegen. Eine multipolare Welt bedeute nicht automatisch eine friedlichere Welt. Was glauben Sie?
Natürlich kann ich die Angst vor einer multipolaren Welt gut verstehen. Vor allem jene, die in den letzten 30 Jahren gut von und mit der monopolaren – gibt‘s so etwas überhaupt? – Welt gelebt haben, sehen jetzt ihre Felle davonschwimmen. Deutschland und Österreich gehören jedoch auch zum Teil zu den Verlierern – bei allen zugegeben positiven Entwicklungen, die die letzten Jahrzehnte gebracht haben. Aber die Euronettozahler haben ähnliches mitgemacht wie die rohstoffreichen Staaten Asiens, Afrikas und Arabiens, die durch den US-Dollar schon erheblich Nachteile einstecken mussten. Alleine die fehlende Selbstbestimmung über das eigene Dollarvermögen hat die ausländischen US-Dollarhalter zu reichen Sklaven gemacht, die sich ständig um ihre Pecuniae Sorgen machen musste, weil man ja nie sicher sein konnte, nicht sanktioniert zu werden.
Und ja, es stimmt, in den BRICS sind viele autoritäre Staaten vorhanden und für uns „Westler“ ist das natürlich ungewohnt. Aber auch wenn das brutal klingen mag, die Menschen, die bisher in den BRICS-Staaten gelebt haben, sind das ja gewohnt und können sich sicher sein „schlimmer wird’s nimmer“, denn aus der Geschichte wissen wir, dass sich öffnende Länder und Reiche dazu neigen, sich auch im Inneren immer mehr zu öffnen. Bei China bin ich mir da allerdings auch nicht sicher. Und neue Kriege fürchte ich überhaupt nicht, denn die Realität rund um den
bedeutungserodierenden Dollar hat den Kriegstreiber Nummer eins der letzten Jahrzehnte ordentlich in die Schranken gewiesen. Die USA verlieren die Deutungshoheit und auch das Monopol über die „world governance“, also über die Schicksalsbestimmung der Erde und die großen gemeinsamen Pläne – da sprechen jetzt mehr Nationen mit und die USA können nicht mehr alleine bestimmen, wer oder was gut und wer oder was böse ist. Und Multipolarität in der „world governance“ kann der Erde nur gut tun und wird definitiv zu weniger militärischen Konflikten führen. Es ist halt wie in einer großen Firma – wenn nur einer das Sagen hat, entsteht manchmal auch Unsinn und Konfliktpotenzial. Gibt es jedoch zwei, drei oder gar 15 unterschiedliche Stimmen, verringern sich auch die härteren Konflikte, und Kriegsentscheidungen können auch bei weitem nicht so rasch getroffen werden.
Manche sprechen bereits von einem chinesischen Jahrhundert. Wird China die USA als globale Supermacht ablösen?
Ich bin kein Hellseher und kann hier nur das von mir geben, was ich auf Grund der momentanen Faktenlage und historischen Erfahrungen glaube. Und ich glaube nicht, dass das 21. Jahrhundert ähnlich dem 20. von Supermächten dominiert werden wird. Diese Zeiten sind vorbei. Die Welt ist noch arbeitsteiliger geworden und auch ökonomische Riesen wie die Chinesen können nicht alles alleine erledigen. Der Gütertausch ist und bleibt eine Grundfeste internationaler Beziehungen und die Staaten können eigentlich nur gemeinsam und mit intensiver Zusammenarbeit prosperieren. Ich glaube auch, dass das viele Staatenlenker bereits verstanden haben und dass jene, die das nicht verstanden haben, eher im Westen zu finden sind. Natürlich wird China das eine oder andere Mal seine Muskeln spielen lassen, aber es weiß genau, dass das à la longue nichts bringt. Außerdem hat Xi Jin-ping beim letzten Fünf-Jahres-Treffen lautstark verkündet, dass es nach drei Exportwunder-Jahrzehnten an der Zeit ist, auch in China einen Mittelstand aufzubauen. Dasselbe gilt für Indien. Die Augen der Giganten Asiens sind in den nächsten Jahren also nach innen gerichtet, was die Welt sicherlich auch ein Stück weit beruhigen wird.
Und in der Zwischenzeit? USA oder China? Muss sich Europa zwischen den beiden Mächten entscheiden oder ist ein eigener Weg möglich?
Da stellt sich natürlich die Frage, was Sie unter Europa verstehen. Meinen Sie die EU oder Europas Nationalstaaten? Die EU als solche wird sich an den Westen halten bis zum Untergang – und das meine ich ganz im Ernst. Die EU ist zum Vasall Washingtons geworden und wird an Bedeutung verlieren. Victoria Nulands „Fuck the EU“ hat alles ausgesagt. Nicht einmal der Anschlag auf Nord Stream 2 konnte die fanatischen EU-Fans zum Nachdenken bringen – geschweige denn das offen ausgesprochene „Fuck the EU“ von Victoria Nuland. Dieser Satz ist auch nicht rein zufällig an die Öffentlichkeit geraten: Man wollte den Europäern einfach zeigen: „Das Sagen haben wir!“ Und so war es die letzten zehn Jahre dann auch. Und erstaunlicherweise gibt es selbst heute noch Menschen, die sagen: „Österreich alleine kann in der Welt nichts ausrichten, wir brauchen die EU.“ Die vergessen aber nur allzu gerne, dass die EU in den Augen der USA eben genau gar nichts mehr ausrichten kann, sondern sich an die Befehle der USA zu halten hat. Im Gegensatz dazu hat noch kein US-Politiker „Fuck Austria“ gesagt. Ohne EU und unter der Wahrung unserer Neutralität hat man viel mehr Respekt vor Österreich als als Mitschwimmer in einem nicht respektierten Staatenbund.
Das traditionelle Europa, also Österreich und andere Nationalstaaten, die sich selbst noch nicht ganz vergessen haben, wären natürlich besser beraten, mit beiden Welten zu kommunizieren, Handel zu treiben und sich so selbst zu fördern und zukunftsfit zu machen. Österreich und andere EU-Staaten haben trotz EU noch nicht alles, was sie über die Geschichte hinweg stark und besonders gemacht hat, verlernt – das Nicht- EU-Europa kennt seine Traditionen noch besser und hat sicherlich auch zu allen Weltpolen gute Kontakte, deshalb würde ich diesen Staaten anraten, einen eigenen Weg zu gehen und mit beiden Welten zu kommunizieren.
Vielen Dank für das Interview!
„Thinking outside the box“
Von der Goldvorsorge über Währungsfragen bis zur großen Geopolitik
Der Ökonom und Publizist Thomas Bachheimer hat sich schon sehr früh mit den globalen Finanzmärkten beschäftigt. Dieses Interesse setzte er in der Folge mit einer Ausbildung zum Börsen und Derivatehändler in den Finanzzentren Frankfurt und London auch beruflich fort. Er sammelte jahrelang Erfahrungen im Wertpapierhandel. Seit der Euroeinführung im Jahr 2002 konzentrierte sich der gebürtige Steirer dann auf die Analyse und den Handel von Rohstoffen. Als Vertreter der Schule der österreichischen Nationalökonomie beschäftigte er sich eingehend mit dem Wesen des westlichen Geldsystems. Mit seiner Prognose eines Ölpreises von 150 US-Dollar, als dieser noch bei 30 US-Dollar lag, sicherte er sich den Ruf eines „Rohstoffgurus“. Dies machte ihn zu einem gefragten Gastanalysten bei prominenten Medien wie CNBC, Bloomberg, Reuters und n-tv. Seine Expertise über die komplexen Zusammenhänge von Wirtschaft und Politik sowie die Edelmetall- und Energiemärkte vermittelt er bereits seit über 20 Jahren als Referent und Publizist.
Die „nichtintellektuelle“ Liebe zu Edelmetallen wurde schon in der Kindheit im Schmuckgeschäft von Bachheimers Mutter in der Oststeiermark gelebt, erzählte Bachheimer vor einiger Zeit im Interview mit der Plattform philoro.at.
„Intellektuell habe ich erst nach der Lektüre des bahnbrechenden Aufsatzes von Alan Greenspan Gold und wirtschaftliche Freiheit (1966) zum Golde gefunden.“ Das sei 2002 gewesen. „Nur wenige Wochen nach dem Lesen des Aufsatzes habe ich gekündigt und mein Leben auf Gold und Energierohstoffe fokussiert“, erzählte er.
Heute ist Bachheimer Präsident des Goldstandardinstitutes Europa (TGSI),
das sich der Förderung der Goldstandards verschrieben hat. Außerdem ist er Leiter des 2017 gegründeten wirtschaftsliberalen Blogs bachheimer.com. Die Nachrichtenplattform läuft unter dem Motto „Thinking outside the box“ und bringt Meldungen zum Tagesgeschehen aus den Bereichen Gold und Silber, Wirtschaft, Währung, Politik und Gesellschaft. Wie auf der Plattform zu lesen ist, steht bachheimer.com „für die Selbstbestimmung des Individuums“, „für die Stärkung von Bürgerrechten“, „für die europäische kulturelle und geisteswissenschaftliche Tradition“, „für die freiwillige Zusammenarbeit von Staaten“ und für eine „nicht beliebig vermehrbare, sondern edelmetallgedeckte Währung“. Laut eigenen Angaben erreicht die Website monatlich über 750.000 Besucher und kommt auf 500 Millionen Seitenaufrufe.
Seit 2020 ist Bachheimer Chefökonom des Goldhändlers Goldvorsorge/GVS und als solcher lebt er seit 2022 in den Vereinigten Arabischen Emiraten, wo er zusätzlich mit dem Aufbau der GVS Trading LLC, einer Tochtergesellschaft der Goldvorsorge, beschäftigt ist.
Blog: bachheimer.com
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